Ein imaginärer Vortrag von Teresa von Ávila (1515-1582) an ihre Nonnen:
Meine lieben Schwestern,
ihr fragt mich, was Liebesmystik ist. Und ich sage euch gleich zu Anfang: Macht daraus bitte kein süßes Wort. Macht daraus kein frommes Schmuckkästchen. Macht daraus kein schönes Seufzen am Fenster, während draußen die Welt tobt.
Liebesmystik ist keine Verzierung des Glaubens.
Sie ist sein Innerstes.
Wenn wir von Liebesmystik sprechen, dann sprechen wir davon, dass die Seele nicht nur an Gott glaubt, sondern von ihm ergriffen wird. Dass sie nicht nur gehorcht, nicht nur betet, nicht nur ihre Übungen macht, sondern dass sie in eine Beziehung gerät, die so tief ist, dass normale Worte dafür kaum noch reichen.
Darum greifen wir zu Bildern der Liebe.
Nicht weil wir albern werden wollen.
Nicht weil wir den Glauben versüßen wollen.
Sondern weil Gott dem Menschen näher kommen kann, als viele es ahnen. Und wenn er nahe kommt, dann ist das nicht bloß ein Gedanke. Es ist eine Bewegung des ganzen Menschen.
Viele dienen Gott aus Pflicht.
Das ist nicht nichts.
Viele fürchten Gott.
Auch das ist verständlich.
Viele wollen fromm sein, ordentlich, brav, moralisch sauber.
Schön und gut.
Aber Liebesmystik beginnt dort, wo das Herz merkt:
Ich bin nicht für bloßen Gehorsam geschaffen.
Ich bin für Vereinigung geschaffen.
Und jetzt erschreckt bitte nicht gleich an diesem Wort. Vereinigung heißt nicht, dass wir Gott werden wie einer ein Kleid anzieht. Vereinigung heißt auch nicht, dass wir irgendeine schwärmerische Trunkenheit suchen müssen. Vereinigung heißt, dass die Seele so tief in Gott hineingezogen wird, dass sie nicht mehr aus ihrer bloßen Eigenwilligkeit lebt. Dass sie in Gott ruht. Dass sie von ihm durchdrungen wird. Dass sie aufhört, überall draußen herumzulaufen und endlich innen ankommt.
Denn das ist das große Problem des Menschen:
Er ist fast immer draußen.
Draußen bei den Meinungen.
Draußen bei den Sorgen.
Draußen bei den Plänen.
Draußen bei den Verletzungen.
Draußen bei dem, was andere sagen oder denken.
Und Gott ist innen.
Darum sage ich euch: Wer Liebesmystik verstehen will, muss lernen, nach innen zu gehen. Nicht in sich selbst als Selbstbespiegelung. Nicht um sich selbst zu bewundern. Sondern um den zu suchen, der in der innersten Wohnung der Seele wartet.
Dort begegnet uns Gott nicht wie ein Beamter.
Nicht wie ein Buchhalter.
Nicht wie ein kalter Richter.
Dort begegnet er uns mit einer Zärtlichkeit, die stärker ist als alles, was die Welt hervorbringen kann.
Und jetzt sind wir schon mitten in der Sache:
Warum sprechen Mystikerinnen von Liebe, von Braut, von Bräutigam, von Wunde, Kuss, Sehnsucht, Glut?
Weil die Seele, wenn sie Gott wirklich nahe kommt, keine besseren Worte mehr findet.
Wenn eine Seele von Gott berührt wird, dann bleibt das nicht äußerlich.
Es ist, als ob ein Feuer in ihr angezündet würde.
Es ist, als ob sie zugleich verwundet und geheilt würde.
Es ist, als ob etwas in ihr schmilzt, das vorher hart war.
Es ist, als ob sie endlich aufhört, sich selbst zu bewachen.
Es ist, als ob sie getragen wird.
Und ja, ich sage bewusst: getragen.
Denn Liebesmystik ist nicht zuerst Leistung.
Sie ist Gnade.
Ihr könnt euch Gott nicht erarbeiten.
Ihr könnt die Vereinigung nicht erzwingen.
Ihr könnt euch nicht mit frommen Übungen in die mystische Hochzeit hineinprügeln.
So funktioniert das nicht.
Was ihr tun könnt, ist dies:
euch bereiten
euch reinigen
euch öffnen
euch wahr machen
euch von Gott finden lassen
Das ist etwas anderes.
Liebesmystik ist nicht das Ergebnis geistlicher Muskelkraft.
Sie ist Geschenk.
Aber ein Geschenk, für das die Seele bereit werden muss.
Und wie wird sie bereit?
Nicht dadurch, dass sie sich dauernd besonders fühlt.
Nicht dadurch, dass sie nach außergewöhnlichen Zuständen jagt.
Nicht dadurch, dass sie unbedingt Visionen, Verzückungen oder Tränen will.
Sondern dadurch, dass sie ehrlich wird.
Ehrlich vor Gott.
Ehrlich über ihre Schwäche.
Ehrlich über ihre Eitelkeit.
Ehrlich über ihre Sehnsucht.
Ehrlich über ihre Angst.
Eine Seele, die Gott lieben will, muss aufhören, Theater zu spielen.
Denn Gott lässt sich nicht durch fromme Fassade beeindrucken.
Er liebt die Wahrheit.
Und manchmal beginnt Liebesmystik gerade dort, wo eine Schwester endlich nicht mehr so tut, als wäre sie schon heilig, sondern sagt: Herr, ich bin armselig, unruhig, eitel, ängstlich und zerstreut — aber ich gehöre dir und ich will dich.
Das ist schon viel.
Viele meinen, Liebesmystik sei nur süß.
Da muss ich euch enttäuschen.
Sie ist süß, ja — aber sie ist nicht bequem.
Denn wenn Gott eine Seele liebt, dann tröstet er sie nicht nur.
Er ordnet sie auch neu.
Er nimmt ihr nicht nur Schmerzen ab.
Er zeigt ihr auch, woran sie noch hängt.
Er gibt nicht nur innige Nähe.
Er entzieht sich auch wieder, damit die Seele nicht die Tröstungen liebt, sondern ihn selbst.
Das ist für viele der härteste Punkt.
Es gibt Schwestern, die möchten Gott am liebsten als dauerhafte Umarmung.
Nur Wärme.
Nur Frieden.
Nur süßes Verweilen.
Aber Gott ist keine fromme Bettdecke.
Er ist lebendig.
Er ist frei.
Und seine Liebe ist so groß, dass sie uns nicht in einer netten Frömmigkeit lässt. Sie will uns verwandeln.
Darum gehört zur Liebesmystik auch die Trockenheit.
Auch das Warten.
Auch das Schweigen Gottes.
Auch die Erfahrung, dass man ihn liebt und ihn doch nicht spürt.
Gerade dort zeigt sich, ob eine Seele Gott oder nur die schönen Gefühle liebt.
Und jetzt will ich euch etwas sehr Wichtiges sagen:
Liebesmystik hat mit dem Leib zu tun, aber sie ist nicht fleischlich im schlechten Sinn.
Ja, die Sprache kann sinnlich sein.
Ja, wir sprechen von Kuss, Umarmung, Wunde, Innigkeit.
Ja, die Liebe zu Gott kann so tief gehen, dass die Seele Worte braucht, die aus dem Bereich menschlicher Liebe stammen.
Aber verwechselt das nicht mit billiger Sinnlichkeit.
Denn in der Liebesmystik wird nicht der Körper vergötzt.
Und auch nicht das Begehren an sich.
Was geschieht, ist etwas Feineres und Größeres: Das, was im Menschen an Sehnsucht, Zärtlichkeit und Verlangen angelegt ist, wird von Gott auf sich selbst hin verwandelt.
Die Seele lernt, dass ihre tiefste Sehnsucht nicht nach irgendeinem Geschöpf ruft, sondern nach ihrem Ursprung.
Darum ist die Sprache der Liebe hier nicht Schmutz.
Sie ist Verklärung.
Aber genau deshalb braucht sie Reinheit.
Wo die Seele Gott mit frommen Bildern nur benutzt, um sich selbst zu berauschen, ist sie schon vom Weg abgekommen.
Wo sie in der Sprache der Liebe bloß sich selbst sucht, ist sie nicht bei Gott.
Wo sie das Heilige in Kitsch verwandelt, verliert sie die Wahrheit.
Liebesmystik ist also nicht weniger klar als andere Formen des Glaubens.
Sie ist klarer.
Weil in ihr alles geprüft wird.
Ist diese Liebe frei?
Ist sie wahr?
Macht sie demütig?
Macht sie mutiger?
Macht sie die Seele weiter?
Oder macht sie sie nur weichlich, eingebildet und besonders?
Daran erkennt ihr den Unterschied.
Eine echte Berührung Gottes macht eine Seele nicht lächerlich, sondern wahr.
Nicht schwammig, sondern gesammelt.
Nicht eitel, sondern demütig.
Nicht weltfern im falschen Sinn, sondern innerlich frei.
Und nun noch etwas, das ich euch als eure Mutter im Kloster sagen möchte:
Ihr lebt hier nicht, um religiöse Figuren zu werden.
Ihr lebt hier, um Gott zu lieben.
Und ihn zu lieben heißt nicht, dauernd große Worte zu machen.
Es heißt, bei ihm zu bleiben.
Bei ihm bleiben, wenn ihr betet.
Bei ihm bleiben, wenn ihr müde seid.
Bei ihm bleiben, wenn ihr trocken seid.
Bei ihm bleiben, wenn ihr gar nichts fühlt.
Bei ihm bleiben, wenn ihr überwältigt seid.
Bei ihm bleiben, wenn er euch tröstet.
Bei ihm bleiben, wenn er euch prüft.
Das ist Liebesmystik.
Nicht das seltene Außergewöhnliche ist ihr Kern.
Sondern die Treue der liebenden Seele.
Ja, es gibt Verzückungen.
Ja, es gibt tiefe Erfahrungen.
Ja, es gibt Augenblicke, in denen Gott die Seele so an sich zieht, dass sie kaum noch Worte findet. Das leugne ich nicht. Ich habe selbst genug davon erfahren, um zu wissen, dass Gott darin grenzenlos sein kann.
Aber wenn ihr nur danach sucht, seid ihr schon verloren.
Sucht nicht die Ekstase.
Sucht den Geliebten.
Und wenn der Geliebte euch die Ekstase gibt, nehmt sie dankbar an.
Wenn er sie euch nicht gibt, liebt ihn ebenso.
Denn Liebesmystik ist nicht das Genießen Gottes.
Sie ist das Gehören zu Gott.
Darum passt das Bild der geistlichen Ehe so gut.
Nicht weil da eine irdische Ehe nachgespielt wird.
Sondern weil eine wirkliche Ehe im besten Sinn Treue, Zugehörigkeit, Nähe und gegenseitiges Innewohnen bedeutet.
So wohnt Gott in der Seele.
Und die Seele wohnt in Gott.
Das ist der Punkt.
Nicht nur an ihn denken.
Nicht nur zu ihm reden.
Nicht nur von ihm abhängig sein.
Sondern in ihm wohnen.
Wenn die Seele dahin kommt, wird sie stiller.
Nicht dümmer.
Nicht kleiner.
Nicht ärmer.
Sondern stiller in einem guten Sinn. Gesammelter. Wärmer. Klarer.
Sie muss nicht mehr ständig etwas darstellen.
Sie weiß, wem sie gehört.
Und noch dies:
Liebesmystik trennt nie von der Wirklichkeit.
Sie macht nicht blind für die Schwestern.
Sie macht nicht hochmütig.
Sie macht nicht unberührbar.
Wenn eine Schwester nach all ihrer Mystik ungeduldig, lieblos, eingebildet oder herrisch bleibt, dann stimmt etwas nicht.
Denn echte Gottesliebe zeigt sich immer auch darin, wie man mit Menschen umgeht.
Eine Seele, die von Gott geküsst wurde, sollte nicht giftig reden.
Eine Seele, die in seiner Umarmung ruht, sollte andere nicht klein machen.
Eine Seele, die von seiner Liebe verwundet wurde, sollte barmherziger werden.
Das ist der Prüfstein.
Am Ende, meine Schwestern, ist Liebesmystik nichts anderes als dies:
Dass die Seele erkennt, dass sie nicht für das Mittelmaß geschaffen ist,
nicht für kalte Frömmigkeit,
nicht für bloßen Gehorsam,
nicht für Angst,
nicht für geistliche Trockenübungen ohne Herz,
sondern für die lebendige Liebe Gottes.
Diese Liebe ist zärtlich.
Diese Liebe ist stark.
Diese Liebe ist prüfend.
Diese Liebe ist heilend.
Diese Liebe ist nicht Besitz, sondern Geschenk.
Diese Liebe ist nicht Leistung, sondern Gnade.
Diese Liebe ist nicht bloße Süße, sondern Feuer.
Und wer einmal von diesem Feuer berührt wurde, der weiß:
Es gibt keinen Frieden mehr in halben Dingen.
Man will Gott.
Nicht nur etwas von ihm.
Nicht nur seine Hilfe.
Nicht nur seinen Trost.
Nicht nur seine Gaben.
Man will ihn.
Das ist Liebesmystik.
Die Seele sagt nicht mehr bloß:
Herr, hilf mir.
Sie sagt:
Herr, nimm mich.
Und wenn Gott eine Seele so weit geführt hat, dass sie wirklich sprechen kann:
Ich bin dein und du bist mein,
dann ist sie weit gekommen.
Nicht weil sie groß geworden wäre.
Sondern weil sie endlich aufgehört hat, sich selbst zu gehören.
Und genau darin liegt ihre Freiheit.
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