Liebesmystik im Sonett als Chanson vertont

Als kleine Liebeserklärung an William Shakespeare

habe ich Sonetten geschrieben und sie als französische Chansons vertont.

 

1. Die Seele als Braut

Nicht Gold, nicht Rang, nicht Lob der Welt begehrt,
nicht fremder Blick, der mich im Staub erkennt;
mein Herz ist wie ein stilles Haus gekehrt,
das auf den Schritt des einen Gastes brennt.

Ich trug mich lang in meiner eignen Hand,
war mir genug und doch von mir getrennt;
nun fällt mein Trotz wie Staub von einem Gewand,
seit mich dein leiser Blick beim Namen nennt.

Ich bin nicht Magd des kalten frommen Muss,
nicht Ware mehr für Angst und Pflicht und Zeit;
du ziehst mich heim mit deines Atems Kuss
in eine unerhörte Innigkeit.

So lernt die Seele, wenn der Hochmut bricht:
Braut sein heißt lieben, und vergehen nicht.

 

2. Der Kuss Gottes

Er kommt nicht laut mit Donner und Gericht,
nicht wie ein Herr, der meine Knie verlangt;
er streift mein Herz wie ungewohntes Licht,
das tief im Dunkel meiner Kammer hangt.

Kein Mund berührt mich, und doch bebt mein Sein,
als hätte Glut die alte Nacht geküsst;
es fährt ein Wissen still durch Mark und Bein,
das ohne Worte alles wissen lässt.

Ein Kuss von Gott ist süßer nicht als Wein,
weil Süße selbst in solcher Nähe wohnt;
er bricht mein Herz und legt den Frieden ein,
der nicht belohnt und dennoch reichlich lohnt.

Wer einmal so von Ewigkeit berührt,
weiß, wie die Liebe stumm zur Wahrheit führt.

 

3. Sehnsucht in der Nacht

Die Nacht ist groß, und meine Hände leer,
die Wände nah, der Atem ohne Ruh;
ich lausche tief und höre nichts als mehr,
mehr Hunger, Herr, nach dir und immerzu.

Wo bist du jetzt, Geliebter meiner Brust?
Ich ging die Gänge meiner Seele ab,
trug Glut im Blut und Asche in der Lust
und fand nur meinen Schatten wie ein Grab.

Doch grade dort, wo du dich mir entziehst,
wächst deine Spur mir heller als der Tag;
dein Fernsein ist die Art, wie du mich ziehst,
wenn nichts als Liebe lieben lernen mag.

So ist die Nacht nicht leer, nur unerhört:
Sie macht mich ganz für das, was ihr gehört.

 

4. Vereinigung und Entzug

Du gabst dich hin wie Feuer in den Flachs,
und einen Atem lang war alles eins;
kein Außen blieb, kein Zweifel, kein Vielleicht,
nur du in mir und ich im Strom des Seins.

Doch kaum gedacht, ich hielte dich nun fest,
warst du schon fort wie Duft im Morgenwind;
du lehrst mein Herz, dass sich nicht halten lässt,
was nur den Armen der Empfangenden sind.

Vereinigung ist nicht Besitz, nicht Recht,
nicht sanfter Raub am allerhöchsten Gut;
sie macht den stolzen Eigenwillen schlicht
und tauft das Habenwollen in die Glut.

Du gibst dich ganz, und nimmst dich wieder fort,
damit ich dich nicht fessele im Wort.

 

5. Maria Magdalena

Sie stand am Rand, wo andre Richter saßen,
mit offenem Haar und offen wundem Blick;
die Frommen wollten ihren Namen hassen,
doch du gabst ihr die Würde Stück für Stück.

Sie lernte dich nicht bloß durch Lehrsatz kennen,
nicht durch Gesetz und nicht durch kalten Sinn;
sie musste weinen, um dich so zu nennen,
wie nur die Liebe ihren Ursprung nennt.

Sie blieb, als andre flohn. Sie sah dein Grab.
Sie hörte ihren Namen in der Frühe.
Und als die Welt schon wieder Ordnung gab,
trug sie noch deine Auferstehungsglühe.

So ist sie mehr als Schuld, Legende, Frau:
Sie liebt dich tief, und darum sieht sie genau.

 

6. Der geliebte Johannes

Nicht Petrus’ Mut und nicht des Lehrers Macht,
nicht Amt und nicht das laute Heldentum
stehn hier im Licht der johanneischen Nacht,
sondern ein Haupt an deiner Schulter Ruhm.

Der Jünger, den du liebtest, blieb dir nah,
wo andre ihren Glauben zitternd schworen;
sein Schweigen sah, was keine Menge sah,
sein Herz war weich genug, in dir zu wohnen.

Vielleicht ist Nähe zarter als der Sieg,
und Wahrheit nicht aus Stahl, sondern aus Haut;
vielleicht wird Gottes tiefstes Gleichgewicht
dem stillsten Herz und nicht der Faust vertraut.

Wer an dir ruht, lernt ohne große Pflicht:
Geliebt zu sein ist schon ein andres Licht.

 

7. Die heilige Familie als Liebesraum

Nicht nur im Stall, geschniegelt fürs Gebet,
nicht nur im Bild mit Gold und Weihrauchschein,
lebt diese Nähe, die durch Küchen geht
und selbst im Alltag Gottes Atem sein.

Da ist ein Tisch, ein Blick, ein leises Tragen,
ein Josef-Schweigen, das doch Schutz gewährt,
ein Mariasinn für unaussprechlich Fragen,
ein Kind, das alles durch die Liebe lehrt.

Auch Anna noch und Joachim im Grund,
als Wurzelwärme unter jedem Schritt;
so geht durch dieses Haus von Mund zu Mund
ein heilger Trost der Menschlichkeit mit.

Die Liebe Gottes wird nicht erst im Thron:
Sie wohnt zuweilen still im Alltag schon.

 

8. Liebe statt Angst

Man hat uns oft den Himmel nur erklärt
mit Drohkuliss und Hölleninventar;
als wäre Gott ein Wächter, streng bewehrt,
der zählt, wie schwach und ungenügend war.

So wuchs der Glaube krumm in vielen Herzen,
aus Pflicht getan, aus Panik mitgesagt;
die Seele lernte Buße mehr als Schmerzen,
doch nie die Liebe, die zu lieben wagt.

Da kommst du nicht mit Peitsche und Dekret,
du sprichst mich an, als wär ich dir bekannt;
und plötzlich fällt das ganze Angstgebet
wie totes Laub aus meiner engen Hand.

Was mich bekehrt, ist weder Zwang noch Pein:
Nur deine Liebe macht mich wirklich dein.

 

9. Die Wunde der Liebe

Ich bat um Heil, doch du gabst mir zuerst
die Wunde, die mein altes Herz zerschnitt;
kein Feindeshieb war’s, der mich so versehrt,
es war dein Blick, der tief in mich eintritt.

Du trafst die Stelle, die ich selbst verbarg,
den Stolz, den Frost, den heimlich harten Kern;
du öffnetest, was ich in mir versarg,
und plötzlich lag mein ganzes Dunkel fern.

Doch seltsam heilt die Liebe, wenn sie schmerzt,
und macht aus Blut nicht Schande, sondern Tor;
wer so verwundet wird im innersten Herz,
steigt leichter aus sich selbst und tiefer vor.

Denn was von Gott die Seele offen bricht,
macht sie nicht ärmer, sondern wahr im Licht.

 

10. Liebesmystik gegen die kalte Religion

Die kalte Religion liebt Satz und Zucht,
den saubren Rand, das richtige Gesicht;
sie kennt das Maß, die Ordnung und die Flucht
vor jeder Glut, die ihre Form zerbricht.

Sie duldet Gott, solange er erklärt,
sich fügt ins Fach und bleibt in frommer Distanz;
doch wenn er küsst und innerlich verzehrt,
nennt sie das schnell Gefahr und Überglanz.

Liebesmystik aber tritt ihr leis entgegen
und sagt: Ihr habt das Herz zu lang verbannt.
Was nützt ein Tempel ohne innern Regen,
ein richtger Satz in unverbrannter Hand?

Nicht kalte Form wird je die Welt erneun:
Nur eine Liebe kann noch Kirche sein.