Wie würde Bernhard de Clairvaux erklären, was Liebesmystik ist?

Ein imaginärer Vortrag von Bernhard von Clairvaux (1090 - 1153):

Meine lieben Brüder und Schwestern,

wenn ihr mich fragt, was Liebesmystik ist, dann antworte ich euch nicht zuerst mit einem Begriff, nicht mit einer Lehre und nicht mit einer Definition, sondern mit einer Bewegung der Seele.

Liebesmystik beginnt dort, wo der Mensch aufhört, Gott nur zu denken, und anfängt, ihn zu begehren.

Denn Gott ist nicht nur Wahrheit.
Er ist nicht nur Macht.
Er ist nicht nur der Schöpfer, der Richter, der Ewige, der Unbegreifliche.
Das alles ist wahr, und doch reicht es nicht aus.
Denn wenn Gott nur gedacht wird, bleibt er fern.
Wenn er aber geliebt wird, tritt er nahe.

Die Seele ist nicht erschaffen worden, um bloß zu gehorchen.
Sie ist erschaffen worden, um zu lieben.

Das ist der erste und tiefste Satz der Liebesmystik:
Die Seele lebt nicht aus Angst, sondern aus Liebe.

Viele Menschen dienen Gott wie Knechte.
Sie fürchten ihn.
Sie gehorchen ihm.
Sie zittern vor seinem Gericht.
Sie hoffen auf Lohn oder fürchten die Strafe.
Aber das ist noch nicht die Vollendung.

Der Knecht gehorcht.
Der Söldner rechnet.
Das Kind vertraut.
Die Braut liebt.

Darum ist die höchste Sprache der Gottesbeziehung nicht das Gesetz, sondern die Liebe.
Nicht der Vertrag, sondern die Sehnsucht.
Nicht die Unterwerfung, sondern die Vereinigung.

Wenn wir das Hohelied lesen, dann lesen wir kein bloßes Liebesgedicht zwischen Mann und Frau.
Wir lesen das Geheimnis Gottes und der Seele.
Wir lesen die Stimme der suchenden Seele, die ruft:
Wo ist der, den meine Seele liebt?

Das ist Liebesmystik.

Liebesmystik heißt:
Ich suche Gott nicht bloß, weil ich ihn brauche.
Ich suche ihn, weil ich ohne ihn nicht ganz bin.
Ich suche ihn, weil mein Herz auf ihn hin geschaffen ist.
Ich suche ihn, weil alles in mir sich nach ihm streckt wie eine Pflanze nach Licht.

Der Liebende ist nicht zufrieden mit bloßem Wissen über Gott.
Er will Nähe.
Er will Gegenwart.
Er will Berührung.
Er will, dass Gott nicht nur über ihm ist, sondern in ihm wohnt.

Darum ist die Sprache der Liebesmystik eine andere Sprache als die der bloßen Theologie.
Die Theologie spricht von Wesen, Eigenschaften, Ordnungen und Wahrheiten.
Das ist gut und notwendig.
Aber die Liebesmystik spricht von Kuss, Umarmung, Sehnsucht, Wunde, Glut und Vereinigung.

Warum?

Nicht weil sie unzüchtig wäre.
Nicht weil sie die Seele erniedrigen wollte.
Sondern weil die Liebe Gottes nicht kalt erfahren wird.

Wenn das Feuer Gottes die Seele berührt, dann bleibt sie nicht sachlich.
Sie wird weich.
Sie wird durchlässig.
Sie wird getroffen.
Sie wird verwundet — aber süß verwundet.
Denn es gibt Wunden, die töten, und es gibt Wunden, die heilen.
Die Liebe Gottes heilt gerade dadurch, dass sie die harte Schale des Menschen aufbricht.

Viele haben Angst vor dieser Sprache.
Sie sagen: Ist das nicht zu sinnlich?
Ist das nicht zu körperlich?
Ist das nicht zu menschlich?

Ich sage euch:
Womit sonst wollt ihr von Liebe reden?

Wenn die Seele Gott wirklich liebt, dann greift sie zu den stärksten Bildern, die sie kennt.
Und die stärksten Bilder des Menschen sind eben nicht Paragraphen, sondern Kuss, Braut, Bräutigam, Hochzeit, Wein, Duft, Umarmung, Ruhen am Herzen des Geliebten.

Die Heilige Schrift selbst tut dies.
Nicht wir haben diese Sprache erfunden.
Das Hohelied hat sie uns gegeben.
Und darum schäme ich mich nicht, sie zu gebrauchen.

Aber hört gut zu:
Liebesmystik ist nicht billige Erregung.
Sie ist nicht sinnliche Schwärmerei um ihrer selbst willen.
Sie ist nicht die Vergötzung des Fleisches.
Sie ist nicht das Spiel mit Bildern, um sich selbst zu gefallen.

Nein.

Liebesmystik ist die Läuterung der Liebe.
Sie nimmt das menschlichste in uns — unsere Sehnsucht, unser Verlangen, unsere Zärtlichkeit, unser Begehren nach Nähe — und richtet es auf Gott hin.

Sie vernichtet die Liebe nicht.
Sie verklärt sie.

Das ist ein großer Unterschied.

Es gibt Menschen, die meinen, der Weg zu Gott bestehe darin, alles Menschliche abzutöten.
Sie wollen nichts mehr fühlen.
Nichts mehr begehren.
Nichts mehr vermissen.
Nichts mehr lieben.
Sie wollen rein sein wie Stein.

Aber Gott hat uns nicht zu Steinen gemacht.

Er hat uns Herzen gegeben.
Und ein Herz ist nicht dazu da, leer zu bleiben.
Es ist dazu da, erfüllt zu werden.

Die Frage ist also nicht, ob wir lieben.
Die Frage ist, was wir lieben und wie wir lieben.

Die ungeordnete Liebe verstrickt.
Die gereinigte Liebe vereint.

Darum ist Liebesmystik kein Abschaffen der Liebe, sondern ihre Ordnung.
Nicht ihre Vernichtung, sondern ihre Erhebung.
Nicht ihre Verarmung, sondern ihre Vollendung.

Wenn ich von der Seele als Braut spreche, dann tue ich das, weil die Braut auf eine Weise liebt, die ganz ist.
Sie liebt nicht mit halbem Herzen.
Sie liebt nicht aus Pflicht.
Sie liebt nicht nur, weil sie muss.
Sie liebt, weil sie hinübergezogen wird zum Geliebten.

So muss die Seele zu Gott gezogen werden.

Nicht gezwungen.
Nicht geschoben.
Nicht dressiert.
Sondern gezogen.

Liebe zieht.
Angst treibt.
Das ist der Unterschied.

Angst kann Menschen religiös machen.
Aber nur Liebe macht sie heilig.

Ein Mensch kann aus Angst fasten.
Aus Angst beten.
Aus Angst gehorchen.
Aus Angst Buße tun.
Aber das alles bringt ihn noch nicht in die innige Kammer der Vereinigung.

Dorthin kommt nur die Liebe.

Und was ist diese Vereinigung?

Sie bedeutet nicht, dass der Mensch aufhört, Mensch zu sein.
Sie bedeutet nicht, dass Gott aufhört, Gott zu sein.
Sie bedeutet nicht, dass zwei Wesen vermischt werden wie Wasser und Wein.

Vereinigung heißt:
Die Seele stimmt so tief in Gott ein,
dass sie nicht mehr gegen ihn lebt.
Sie ruht in ihm.
Sie will, was er will.
Sie liebt, was er liebt.
Sie findet ihre Seligkeit nicht mehr in sich selbst, sondern in ihm.

Dann geschieht etwas Wunderbares:
Der Mensch liebt Gott nicht nur, weil Gott groß ist,
sondern weil Gott süß ist.

Viele finden dieses Wort gefährlich.
Aber ich halte daran fest.
Gott ist süß für die Seele, die ihn gekostet hat.

Darum kann man über Gott viel lesen und dennoch fern bleiben.
Und ein anderer, der vielleicht nur wenig Worte hat, kann von Liebe brennen, weil er einen einzigen Tropfen dieser Süße erfahren hat.

Liebesmystik lebt nicht vom bloßen Wissen, sondern vom Schmecken.

Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.

Das ist kein Gedanke.
Das ist Erfahrung.

Und doch muss ich euch warnen:
Nicht alles, was sich Liebe nennt, ist schon heilig.
Nicht jedes Feuer kommt von Gott.
Nicht jede Glut ist rein.
Nicht jede Zärtlichkeit ist wahr.

Darum braucht Liebesmystik Läuterung, Zucht und Demut.

Wo der Mensch sich selbst sucht statt Gott, dort verdirbt die Liebe.
Wo er im frommen Gefühl sich selbst genießt, dort verdirbt die Liebe.
Wo er die Bilder der Liebe festhält, aber den Gehorsam des Herzens verweigert, dort verdirbt die Liebe.

Denn Liebesmystik ist nicht bloß Trost.
Sie ist auch Prüfung.

Wer Gott liebt, wird geläutert.
Wer sich ihm hingibt, wird entkleidet.
Wer die Vereinigung sucht, wird oft zuvor durch Leere, Ferne und Nacht geführt.

Die Braut ruft nicht immer nur jubelnd.
Sie sucht auch.
Sie vermisst.
Sie klagt.
Sie irrt nachts umher.
Sie fragt die Wächter.
Sie wird verwundet.
Auch das gehört zur Liebesmystik.

Denn die Liebe Gottes tröstet nicht nur.
Sie entzieht sich auch, damit die Sehnsucht wachse.

So lernt die Seele, dass sie Gott nicht besitzen kann wie einen Gegenstand.
Sie kann ihn nur empfangen.
Und selbst das Empfangen ist Gnade.

Liebesmystik ist also nicht sentimentales Schwelgen.
Sie ist ein ernster Weg.

Ein Weg von Sehnsucht.
Ein Weg von Läuterung.
Ein Weg von Wunde und Trost.
Ein Weg, auf dem der Mensch langsam lernt, nicht mehr aus sich selbst zu leben, sondern aus Gott.

Wenn ihr mich also fragt, was Liebesmystik ist, dann sage ich am Ende dies:

Liebesmystik ist der Weg, auf dem die Seele Gott nicht nur als Herrn anerkennt,
sondern als Geliebten erfährt.

Sie ist der Weg, auf dem der Mensch sich nicht mehr mit Wissen über Gott zufriedengibt,
sondern nach seiner Gegenwart hungert.

Sie ist der Weg, auf dem die Sprache von Braut und Bräutigam, Kuss und Umarmung, Wunde und Glut zu einer Sprache der Wahrheit wird.

Sie ist der Weg, auf dem das Herz gereinigt wird,
damit es lieben kann, wie es geschaffen wurde zu lieben.

Und sie ist der Weg, auf dem am Ende nicht Angst bleibt,
nicht Berechnung,
nicht Stolz,
nicht das kalte Wissen -

sondern Liebe.

Denn die höchste Erkenntnis Gottes ist nicht,
dass er existiert,
nicht, dass er allmächtig ist,
nicht, dass er richtet,
sondern:

dass er geliebt werden will
und dass die Seele erst in dieser Liebe heimkommt.

 

 

 

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